
Erzählte Reise
Mein Mensch war nervös. Ich bin eingeschlafen.
Eine reale Reise von Deutschland nach Dubai – kreativ erzählt aus der Perspektive eines Mopses.
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Ich wusste nicht, dass wir auswanderten.
Ich wusste nur, dass mein Mensch seit einiger Zeit Dinge tat, die Menschen offenbar tun, wenn etwas Großes bevorsteht.
Sie legte Papiere auf den Tisch. Nahm sie wieder weg. Suchte sie später genau dort, wo sie sie hingelegt hatte. Taschen standen herum. Das Telefon klingelte häufiger. Und erstaunlich viele Gespräche handelten von mir.
Das machte mich ein wenig misstrauisch. Nicht besorgt. Nur aufmerksam.
Menschen werden nämlich merkwürdig, wenn sie sich Sorgen machen. Sie laufen dann durch Räume, ohne irgendwo anzukommen, betrachten dieselben Unterlagen mehrfach und stellen Fragen, deren Antworten sie eigentlich schon kennen.
Mein Mensch machte all das.
Irgendwann verstand ich zumindest einen Teil: Wir würden weggehen. Sehr weit weg. Nach Dubai. Und offenbar war ich das Problem.
Nicht grundsätzlich. Normalerweise bin ich eher selten das Problem. Diesmal allerdings hatte jemand entschieden, dass Hunde in den Flugzeugen, die mein Mensch recherchiert hatte, nur bis zu einem bestimmten Gewicht mit in die Kabine durften.
Acht Kilogramm. Inklusive Tasche. Ich lag knapp darüber. Aus meiner Sicht eine ausgesprochen kleinliche Unterscheidung.
Für meinen Menschen war es ernster. Sie wollte auf keinen Fall, dass ich während des Fluges irgendwo anders untergebracht würde als bei ihr. Schon gar nicht im Frachtraum.
Hinzu kam meine Nase. Oder genauer gesagt: deren überschaubare Länge.
Weil Möpse zu den kurznasigen Hunden gehören, hatte mein Mensch bei ihrer Recherche von besonderen Transportbeschränkungen gelesen und von möglichen Belastungen durch Hitze. Je mehr sie darüber herausfand, desto sicherer wurde sie in einem Punkt:
So würden wir nicht reisen.
Das Problem war nur: Dann wusste sie irgendwann überhaupt nicht mehr, wie wir reisen sollten.
Ich bemerkte das daran, dass sie noch mehr telefonierte.
Dann fiel zum ersten Mal ein Name, den ich in den folgenden Wochen häufiger hören sollte. SkySociety.
Ich verstand natürlich nicht, was sich dahinter verbarg. Aber ich bemerkte, dass sich etwas veränderte.
Mein Mensch war immer noch beschäftigt. Es gab weiterhin Papiere und Nachrichten und Fragen. Mein Impfpass wurde kontrolliert. Unterlagen wurden vorbereitet. Kurz vor der Reise besuchten wir einen Amtstierarzt.
Aber die Sorge in ihrer Stimme wurde langsam leiser.
Zum ersten Mal hatte sie offenbar das Gefühl, dass es funktionieren könnte. Dass wir tatsächlich gemeinsam nach Dubai kommen würden.
Am Tag vor dem Flug fuhren wir von Nordrhein-Westfalen nach München.
Eine lange Fahrt. Ein Hotel. Eine fremde Tür. Ein fremder Boden. Andere Geräusche auf dem Flur.
Für Menschen bedeutet so etwas vermutlich: Die Reise hat begonnen. Für einen Hund bedeutet es zunächst nur, dass alles anders riecht.
Aber mein Mensch war da. Also schlief ich.
Am nächsten Morgen war sie früh wach. Natürlich. Menschen schlafen vor wichtigen Tagen grundsätzlich schlechter als Hunde.
Menschen schlafen vor wichtigen Tagen grundsätzlich schlechter als Hunde.
Wieder Taschen. Wieder Kontrolle der Unterlagen. Wieder dieser kurze Blick zu mir, als müsste sie sich vergewissern, dass ich über Nacht nicht verschwunden war.
Dann kam das Taxi.
München zog am Fenster vorbei, und irgendwann hielten wir nicht vor einem der großen Flughafengebäude, sondern am Private Aviation Terminal.
Bis zu diesem Moment hatte ich angenommen, diese ganze Angelegenheit beträfe hauptsächlich uns beide.
Dann öffnete sich die Tür. Und da waren Hunde. Mehrere. Das änderte die Lage erheblich.
Während die Menschen sich begrüßten und mit Gepäck beschäftigt waren, machten wir das, was Hunde in solchen Situationen tun.
Wir sahen uns an. Wir näherten uns.
Wir sammelten die Informationen, für die Menschen vermutlich Namen, Berufe, Herkunftsorte und mehrere Minuten Gespräch benötigen.
Die Menschen nannten es „Kennenlernen“. Wir waren vergleichsweise schnell damit fertig.
Für meinen Menschen schien genau das beruhigend zu sein. Wir begegneten uns hier, mit Platz und Ruhe, bevor wir gemeinsam in das Flugzeug stiegen.
Bislang gefiel mir dieser Reiseplan.
Dann kam die Sicherheitskontrolle.
Mein Mensch hatte wochenlang dafür gesorgt, dass ich sämtliche erforderlichen Dokumente besaß.
Und nun sollte ich plötzlich Halsband und Leine ablegen.
Ich stellte keine Fragen.
Irgendwann lernt man als Hund, dass Menschen an Flughäfen Regeln haben, deren tiefere Logik man nicht verstehen muss.
Danach bekamen wir unsere Sachen zurück und stiegen in einen Minibus.
Wir fuhren zur Passkontrolle und anschließend weiter über den Flughafen.
Draußen standen Flugzeuge. Kleine Flugzeuge.
Mein Mensch schaute durch die Scheibe und lächelte auf eine Weise, die ich in den vergangenen Wochen selten gesehen hatte.
Später erzählte sie, dass sie in diesem Moment gedacht habe: Wann ist es bitte so weit gekommen, dass ich mit einem Privatjet fliege?
Wann ist es bitte so weit gekommen, dass ich mit einem Privatjet fliege?
Ich lag zu ihren Füßen.
Aus meiner Sicht war die ungewöhnlichere Frage eher, warum sie daraus so eine große Sache machte.
Wir waren schließlich noch nicht einmal angekommen.
Als wir in das Flugzeug stiegen, blieb mein Mensch kurz stehen.
Ich nicht.
Ich sah Sessel. Teppich. Decken. Andere Hunde.
Das waren Informationen, mit denen ich etwas anfangen konnte.
Die Kabine war klein und ruhig. Keine langen Reihen von Sitzen. Keine Menschenmassen. Einige Hunde lagen bereits auf dem Boden, andere hatten sich auf den Sitzflächen eingerichtet.
Mein Mensch setzte sich. Ich blieb bei ihr.
Das war bislang der wichtigste Teil dieser gesamten Reise.
Dann schloss sich die Tür. Das Flugzeug begann sich zu bewegen.
Und mein Mensch wurde wieder nervös.
Nur ein wenig. Aber Hunde bemerken „nur ein wenig“.
Sie beobachtete mich ständig. Ich sah ihren Blick.
Sie wollte wissen, ob es mir gutging. Ob die Geräusche mich störten. Ob der Druck unangenehm war. Ob ich Angst bekam.
Das Flugzeug rollte schneller. Die Geräusche wurden lauter. Für einen Moment drückte mich etwas stärker in meinen Platz. Dann hob sich der Boden.
Das war ungewöhnlich.
Ich sah zu meinem Menschen. Sie sah zu mir. Wir waren beide noch da.
Also legte ich mich hin. Wenige Minuten später schlief ich.

Das muss für meinen Menschen ein etwas seltsamer Moment gewesen sein.
Wochenlang hatte sie sich gefragt, wie ich diese Reise verkraften würde.
Sie hatte Flugmöglichkeiten verglichen, nach Regeln gesucht, Unterlagen organisiert, Termine gemacht und sich Sorgen darüber gemacht, ob sie mit ihrem Hund überhaupt in ihr neues Leben aufbrechen konnte.
Und nun saß sie endlich in diesem Flugzeug.
Unter uns wurde Deutschland kleiner. Vor uns lagen mehr als sechs Stunden bis Dubai.
Und das Lebewesen, um das sich ein großer Teil ihrer Sorgen gedreht hatte, schlief. Tief und fest.
Die Sonne fiel durch das Fenster auf mein schwarzes Fell.
Irgendwann wachte ich wieder auf.
Die Kabine war ruhig geworden. Jeder hatte seinen Platz gefunden. Die Menschen unterhielten sich, es wurde Essen serviert, die anderen Hunde ruhten.
Die größte Aufregung war vorbei.
Mein Mensch sah jetzt anders aus. Entspannter.
Vielleicht zum ersten Mal seit Wochen musste sie gerade nichts organisieren.
Es gab nichts mehr vorzubereiten. Keine Dokumente mehr einzureichen. Keinen Termin mehr zu erreichen.
Wir waren unterwegs. Das war alles.
Ich setzte mich irgendwann ans Fenster.

Draußen war nicht besonders viel. Himmel. Wolken. Sehr viel davon.
Menschen scheinen einen erstaunlichen Gefallen daran zu finden, Wolken von oben zu betrachten.
Ich beobachtete lieber die Kabine. Die anderen Hunde. Meinen Menschen. Dann wieder die Wolken.
Später veränderte sich das Licht.
Die Sonne sank tiefer und färbte den Himmel über uns.
Mein Mensch schaute hinaus.
Ich weiß nicht, was sie in diesem Moment dachte.
Vielleicht dachte sie an Deutschland. Vielleicht an Dubai. Vielleicht daran, dass ein Teil ihres Lebens gerade hinter ihr lag und ein anderer noch irgendwo vor uns wartete.
Hunde denken über solche Grenzen vermutlich weniger nach.
Für uns verändert sich die Welt nicht in Kapiteln. Sie verändert sich in Gerüchen, Geräuschen, Türen, Wegen und Menschen.
Und meine Welt hatte sich in den vergangenen Tagen sehr oft verändert.
Erst unser Zuhause. Dann die Fahrt. Das Hotel. Das Terminal. Die anderen Hunde. Das Flugzeug.
Nur eine Sache war bisher nicht anders geworden. Sie war immer noch da.
Mehr als sechs Stunden nach unserem Start begann das Flugzeug wieder zu sinken.
Die Menschen wurden aktiver. Dinge wurden verstaut. Blicke gingen zu den Fenstern.
Ich kannte dieses Verhalten inzwischen.
Offenbar stand wieder etwas bevor.
Dann berührten die Räder den Boden. Wir waren in Dubai.
Als sich die Flugzeugtür öffnete, veränderte sich die Welt ein weiteres Mal.
Die Luft war warm. Nicht so wie am Morgen in München.
Neue Gerüche kamen herein. Andere Geräusche. Eine Umgebung, die nichts mit dem Ort zu tun hatte, an dem dieser Tag begonnen hatte.
Mein Mensch trat aus dem Flugzeug.
Und etwas an ihr wurde plötzlich leicht.
Die Anspannung, die sie seit Wochen mit sich herumgetragen hatte, war nicht mehr da.
Wir waren angekommen. Nicht sie in Dubai und ich irgendwo anders. Wir.
Vom Flugzeug gingen wir zum privaten Terminal. Die Einreise war schnell erledigt. Danach warteten wir noch, während eine Amtstierärztin die Unterlagen der Hunde überprüfte.
Natürlich gab es am Ende dieser sehr langen Reise noch einmal Papiere.
Inzwischen hätte mich alles andere überrascht.
Dann war auch das erledigt.
Draußen wartete ein Pet-Taxi. Mein Mensch und ich stiegen ein.
Wieder ein Auto. Wieder eine Straße. Wieder etwas Neues hinter der nächsten Scheibe.
Diesmal führte der Weg zu unserem neuen Zuhause.
Ich weiß bis heute nicht, was genau „Auswandern“ bedeutet.
Menschen benutzen große Wörter für Dinge, die sich für Hunde viel einfacher anfühlen.
Für meinen Menschen bedeutete dieser Tag vermutlich Abschied und Anfang gleichzeitig.
Deutschland lag hinter ihr. Dubai lag vor ihr.
Dazwischen hatte es einen Flug gegeben, von dem sie Wochen zuvor noch nicht wusste, ob wir ihn jemals gemeinsam antreten könnten.
Für mich bestand der gleiche Tag aus einer langen Reihe neuer Eindrücke.
Ein Hotelzimmer. Andere Hunde. Ein Halsband, das ich kurz ablegen musste. Ein Bus. Ein Flugzeug. Sonne auf meinem Fell. Ein langer Schlaf über den Wolken. Und schließlich warme Luft auf der anderen Seite der Welt.
Fast alles war anders als am Morgen.
Aber als wir am Ende dieses Tages weiter zu unserem neuen Zuhause fuhren, saß mein Mensch noch immer neben mir.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Menschen und Hunden.
Menschen ziehen in ein neues Land und fragen sich, wann es sich nach Zuhause anfühlen wird. Hunde haben für diese Frage einen einfacheren Maßstab.
Ich wusste nicht, wo wir waren. Ich wusste nicht, was am nächsten Morgen passieren würde. Ich wusste nur, dass sie da war.
Und für den Anfang war das genug.